Montag, 10. August 2015

Buchbesprechung: Magisches Tirol

Buchbesprechung "Magisches Tirol" von Astrid Süßmuth

Es fällt mir nicht leicht, das Buch einfach aus der Hand zu legen und eine nüchterne Buchbesprechung zu verfassen. Zumal es sich um keinen Wander- bzw. Bergführer im herkömmlichen Sinn handelt. Die Autorin selbst verwendet in den Dankesworten am Ende Ihre Buches den Begriff vom "Eintauchen in die Naturmythologie Tirols". Ich möchte diese Einordnung gerne dem Leser meiner Rezension überlassen.

Auf das Nüchterne reduziert, beinhaltet das Buch 36 Vorschläge von Wanderungen zu besonderen Orten der Kraft zwischen Tiroler Oberland und Osttirol, zwischen Innufer und Gletscherrand. Die Touren von Astrid Süßmuth wurden nach sorgfältigen kulturhistorischen Recherchen ausgewählt, die oftmals auf stillen Pfaden durch die Welt der Tiroler Berge führen. Nur selten kreuzt man dabei die Ausläufer der hektischen Zivilisation. Der Wegverlauf der Touren ist jeweils in kleinen Kartenausschnitten skizziert. Eine einführende Beschreibung gibt Aufschluss über Anforderungen, Länge und Dauer der Tour. Ausgangspunkt, Routenverlauf, markante Wegpunkte, Einkehr- bzw. Übernachtungsmöglichkeiten und gibt auch eine Empfehlung zum passenden Kartenmaterial (falls erforderlich). Tipps und weitere Hinweise, wie z. B zu Öffnungszeiten oder den Betrieb von Bergbahnen, sind dabei sinnvolle Ergänzungen.

Die einleitenden Kapitel führen den Leser behutsam an das Besondere des Buches heran. Die Seele der Landschaft wird vorgestellt, die man auf eigenen Wanderungen vielleicht nie so richtig wahrgenommen hat. Der Blick auf die Schönheit der Natur kann viele Facetten haben. Das Spektrum dürfte von "Ach ja, ist ja richtig nett hier!" bis zum "Baumeln lassen der Seele" reichen, abhängig von der persönlichen Verfassung, einer grundsätzlichen Lebenseinstellung, von den äußeren Einflüssen und bestimmt auch von den Erwartungen. 

Der Leser wird ermutigt, sich von verkrusteten Ansichten zu lösen, sich von seinem Alltags-Kettenhemd zu befreien und sich einfach mal die Frage zu stellen: Wo ist eigentlich mein Platz im Universum? Und damit ist nicht der persönliche Mikro-Kosmos gemeint. Neben der Schöpfung der Natur erscheinen wir winzig und klein. Alles um uns herum besteht schon seit Urzeiten und wird noch lange nach unserer Millisekunde Leben Bestand haben. Unsere Vorfahren wussten noch etwas über geologische, geografische bzw. jahreszeitlichen Zusammenhänge von Kraftorten. Und ein kleiner Teil des überlieferten Wissens wird hier im Buch aufbewahrt und mit kleinen Randgeschichten zu den einzelnen Touren vorgestellt.

Stellvertretend möchte ich eine Tour etwas genauer vorstellen: Zum Frauensee bei Reutte. Von Reutte herkommend liegt der Frauensee eingerahmt zwischen Säuling und Gehrenspitze. Die Autorin geht nach einer kurzen Wegbeschreibung näher auf die zum Säuling bekannten Überlieferungen als Hexenberg ein. Weiter beschreibt Sie das Schauspiel, wenn sich nach einem mittäglichen Gewitter die Silhouette des Säuling durch die Wolken abzeichnet und dieser dabei die Gestalt des sog. "Brocken-Gespenst" annimmt. Die Gratlinie des Säuling, der Brunstgrat, zieht tief hinunter ins Lechtal und scheint dabei die Kraft des Berges auf den Frauensee auszubreiten. Die Tour wird aufgewertet durch einen Besuch des auf dem Weg liegenden St. Mange-Sessele. Dass es sich dabei um eine alte Römerstraße handelt, der "Via Claudia Augusta" erfährt der Leser genauso, wie zwei Überlieferungen zur Bedeutung des Sessele und dem Drachen vom Urisee, der in manchen Vollmondnächten dem Frauensee einen Besuch abstattet. Und schließlich taucht der Leser noch ein in die Geschichte über das im smaragdgrünen Wasser des Frauensees versunkene Schloss. 

Mit diesem Wissen, erreicht man den Frauensee und genießt schließlich die Ruhe. Man kann dem ausgelassenen Spiel der Schmetterlinge an den Blütenköpfen der Sterndolde folgen und sich dabei von der magischen Atmosphäre dieses Ortes in Bann ziehen lassen und einfach den Augenblick genießen. Um dabei die von diesem Ort ausgehende Kraft zu spüren, bedarf es nach der Autorin keiner paranormalen Fähigkeiten, sondern nur das Innehalten für einen Moment. Man stellt sich dabei vor, mit dem Untergrund verbunden zu sein und nimmt dabei die Umwelt, Pflanzen, Tiere und die Atmosphäre besonders intensiv wahr.

Für Leser, die sich eingehender mit Orten der Kraft beschäftigen möchten, wird im Anhang dann nochmal der Lebenszyklus als Jahreskreis vorgestellt. Die magischen Momente bei Sonnenauf- und Untergängen sind abhängig vom natürlichen Zyklus von Werden und Vergehen der Vegetation als auch des Werden und Vergehen des Lichts. Sonnenfeste, Mondfeste, Sommerwende oder Sommer- und Winterhalbmond sind uns zwar vom Namen her geläufig, dafür aber weniger die Zusammenhänge in Verbindung mit Orten der Kraft. Es sind auch einige Orte in Tirol genannt, die zu bestimmten Zeiten im Lebenszyklus besondere Kraft erfahren. Überwiegend sind es Wallfahrtsorte und auch überlieferte Kultstätten. Etwas muss also dran sein, wenn manche Orte etwas Geheimnisvolles, ja sogar Mystisches ausstrahlen. Ergänzt wird der Anhang mit Aufstellungen von Pflanzen,Tieren und besonderen Konstellationen (Baumkreise, Ahornboden), die auf einen solchen Ort hindeuten können.

Aber es gibt auch mit negativer Energie besetzte Orte: Orte mit düsterer Atmosphäre, wo man sich einfach unwohl fühlt und man diesen Ort eigentlich nur noch so schnell wie möglich verlassen möchte. Vielleicht waren diese Orte früher Opferstätten oder Plätze an denen Gefangene eingesperrt waren oder sogar Hinrichtungen stattfanden. Wer macht sich darüber bei einer Wanderung schon groß Gedanken? Für ganz Entschlossene gibt es auch Rezepte für Kräutermischungen, um die negativ besetzten Kraftorte zu reinigen.

Fazit: 
Eine gelungene Anleitung zum Meditativen Gehen und Eintauchen in die Landschaft mit 36 kraftvollen Vorschlägen. Das intensive Durchstreifen der Natur kann den Zugang zu eigenen inneren Quellen öffnen und uns Visionen aus Vergangenheit und Zukunft enthüllen. Die Mythologie der Natur begleitet uns mit Naturwesen wie Nymphen, Zwerge oder Sylphen und wer sich etwas darauf einlässt, wird die Seele eines Ortes erspüren und vielleicht eines der Wesen aus dem Weltenreich hinter den Schleiern sehen dürfen.

Für mich ist das Buch von Astrid Süßmuth eine gelungene Mischung aus Wanderführer und Naturfabel. Nicht nur für Leser mit Hang zur Mythologie, die vermutlich einen leichteren Zugang zum Buch finden werden, kann sich dadurch auf zukünftigen Unternehmungen in der Natur ein ganz neuer Blickwinkel ergeben: Eine Sensibilisierung gegenüber unserer Umwelt und eine Selbstreflexion durch das Innehalten im täglich Treiben und Hineinhören in unsere eigene Mitte. Möge das Gleichgewicht und die Gute Seite der Macht immer mit uns sein.